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Die Zukunft der Energieversorgung in Europa - Chancen und Herausforderungen für AI-Rechenzentren
Strategische Erkenntnisse aus der ENTSO-E-Studie und ihre Bedeutung für die Entwicklung zukünftiger AI-Rechenzentrumsstandorte
Whitepaper von Koehler Advisory
Inhalt
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Executive Summary
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Kapitel 1
Wachstum, Skalierung und Strukturwandel – Warum AI-Rechenzentren die europäische Energieplanung verändern. Rechenzentren werden zu einem Bestandteil der
Energieinfrastruktur
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Kapitel 2
Das softwaredefinierte Rechenzentrum – Warum AI das elektrische Verhalten grundlegend verändert
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Kapitel 3
Netzstabilität im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – Neue Anforderungen an den Betrieb großer AI-Rechenzentren
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Kapitel 4
Netzplanung und Netzanschluss – Vom technischen Genehmigungsprozess zur integrierten Infrastrukturplanung
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Kapitel 5
Vom Stromverbraucher zum Systempartner – Flexibilität, Batteriespeicher und das netzdienliche AI-Rechenzentrum
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Kapitel 6
Digitale Infrastruktur und Energiewende gemeinsam denken – Schlussfolgerungen aus der ENTSO-E-Studie
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Kapitel 7
Strategische Implikationen für Deutschland – Warum Energieinfrastruktur zum entscheidenden Standortfaktor für AI-Rechenzentren wird
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Schlussbetrachtung
Executive Summary
Die Digitalisierung und der rasante Fortschritt der Künstlichen Intelligenz verändern den europäischen Rechenzentrumsmarkt grundlegend. Moderne AI-Rechenzentren entwickeln sich zu den größten einzelnen Stromverbrauchern Europas und erreichen Anschlussleistungen von mehreren hundert Megawatt bis hin zu Campusstrukturen im Gigawattbereich. Damit werden sie zu einem wesentlichen Treiber der zukünftigen Stromnachfrage und zu einem neuen Faktor für die Planung und den Betrieb der europäischen Energieinfrastruktur.
Vor diesem Hintergrund hat ENTSO-E – der Verband der europäischen Übertragungsnetz-betreiber – die Studie Data Centres and the Power System – Expected Trends, Challenges and Opportunities veröffentlicht. Anders als klassische Marktstudien untersucht sie Rechenzentren nicht aus Sicht der IT- oder Immobilienbranche, sondern aus der Perspektive des europäischen Stromsystems. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich das Wachstum von AI-Rechenzentren mit den Anforderungen der Energiewende und der langfristigen Netzstabilität vereinbaren lässt.
Die zentrale Erkenntnis der Studie lautet: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im steigenden Stromverbrauch der Rechenzentren, sondern in deren intelligenter Integration in das Stromsystem. Moderne AI-Rechenzentren unterscheiden sich grundlegend von klassischen Industrieanlagen. Ihr Lastverhalten wird nicht mehr durch mechanische Prozesse, sondern durch softwaregesteuerte IT-Workloads, Leistungselektronik und hochdynamische Regelungssysteme bestimmt. Damit entstehen neue Anforderungen an Netzplanung, Netzbetrieb und Netzanschluss.
ENTSO-E entwickelt daraus ein neues Leitbild für die nächste Generation von Rechenzentren. Zukünftige AI-Campus sollen nicht nur zuverlässig mit Energie versorgt werden, sondern selbst aktiv zur Stabilität des Stromsystems beitragen. Flexibilität, Batteriespeicher, intelligente Kühlung und steuerbare IT-Workloads werden dabei zu integralen Bestandteilen eines netzdienlichen Betriebsmodells. Rechenzentren entwickeln sich damit von passiven Großverbrauchern zu aktiven Partnern der Energieversorgung.
Für die Standortentwicklung bedeutet dies einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Kriterien wie Grundstücksgröße, Glasfaseranbindung oder die Nähe zu Ballungsräumen bleiben wichtig, reichen jedoch allein nicht mehr aus. Entscheidend werden künftig die langfristige Verfügbarkeit elektrischer Leistung, die Entwicklungsfähigkeit der regionalen Energieinfrastruktur sowie die Fähigkeit eines Standortes, sich dauerhaft in das Stromsystem zu integrieren. Energie-infrastruktur entwickelt sich damit zum zentralen Wettbewerbsfaktor für zukünftige AI-Rechenzentrumsstandorte.
Dieses Whitepaper fasst die Aussagen der ENTSO-E-Studie nicht lediglich zusammen. Es ordnet ihre Ergebnisse strategisch ein und leitet daraus konkrete Konsequenzen für Grundstücks-eigentümer, Kommunen, Energieversorger, Projektentwickler, Investoren und Betreiber von AI-Rechenzentren ab. Ziel ist es, die Auswirkungen der Studie auf die zukünftige Standort-entwicklung verständlich zu machen und die wesentlichen Veränderungen für den europäischen Rechenzentrumsmarkt aufzuzeigen.
Die wichtigste Erkenntnis dieses Whitepapers lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Wettbewerbsfähigkeit zukünftiger AI-Rechenzentrums-standorte wird nicht mehr allein durch verfügbare Flächen, Glasfaseranbindungen oder Marktnähe bestimmt, sondern durch ihre Fähigkeit, sich dauerhaft und intelligent in das europäische Stromsystem zu integrieren.
Diese These bildet den roten Faden der folgenden Kapitel und zeigt, warum Energieinfrastruktur künftig zu einem der entscheidenden Erfolgsfaktoren der europäischen AI-Strategie wird.
Kapitel 1
Wachstum, Skalierung und Strukturwandel – Warum AI-Rechenzentren die europäische Energieplanung verändern. Rechenzentren werden zu einem Bestandteil der Energieinfrastruktur
Die ENTSO-E-Studie beginnt mit einer grundlegenden Feststellung: Der europäische Rechenzentrumsmarkt befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Dabei steht nicht allein das erwartete Wachstum des Stromverbrauchs im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Auswirkungen die nächste Generation von AI-Rechenzentren auf Planung, Betrieb und Stabilität des europäischen Stromsystems haben wird. Bereits diese Perspektive unterscheidet die Studie deutlich von klassischen Marktanalysen der Rechenzentrumsbranche. Während diese überwiegend Investitionsvolumina, Flächen oder Marktwachstum betrachten, analysiert
ENTSO-E Rechenzentren erstmals konsequent aus Sicht der Energieinfrastruktur.
Damit verändert sich auch die Rolle des Rechenzentrums. Es wird nicht länger ausschließlich als digitale Infrastruktur verstanden, sondern als systemrelevanter Stromverbraucher, dessen Größe, Betriebsverhalten und räumliche Konzentration unmittelbare Auswirkungen auf die Sicherheit und Stabilität des europäischen Stromsystems haben.
In der öffentlichen Diskussion wird der Ausbau von AI-Rechenzentren häufig auf ihren steigenden Energiebedarf reduziert. ENTSO-E verfolgt bewusst einen anderen Ansatz. Die Studie argumentiert, dass nicht der absolute Stromverbrauch die größte Herausforderung darstellt, sondern die Kombination aus steigender Anschlussleistung, räumlicher Konzentration und verändertem Lastverhalten. Dadurch entstehen Anforderungen an Netzplanung und Netzbetrieb, die deutlich über die Auswirkungen eines reinen Nachfragewachstums hinausgehen.
Diese Sichtweise markiert einen Paradigmenwechsel. Die eigentliche Fragestellung lautet künftig nicht mehr, wie viel Strom Rechenzentren benötigen, sondern wie sich ihre Entwicklung in ein zunehmend erneuerbares und dynamisches Energiesystem integrieren lässt.
Von regionalen Rechenzentren zu AI-Campus
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die zunehmende Größenordnung neuer Rechenzentren. Während frühere Enterprise-Rechenzentren typischerweise Anschlussleistungen zwischen vier und zwanzig Megawatt aufwiesen, erreichen moderne AI- und Hyperscale-Campus heute mehrere hundert Megawatt. Einzelne Cluster können sogar Anschlussleistungen im Gigawattbereich bündeln.
Für die Energieversorgung ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung. Nicht die Anzahl neuer Rechenzentren verändert das Stromsystem, sondern die Konzentration großer elektrischer Leistungen an wenigen Standorten. Dadurch entstehen neue Lastschwerpunkte, die weitreichende Auswirkungen auf Übertragungsnetze, Umspannwerke und regionale Netzplanung haben.
Gleichzeitig verändert sich die Marktstruktur. Das Wachstum wird zunehmend durch Hyperscaler und AI-Anwendungen bestimmt. Diese entwickeln keine einzelnen Rechenzentren mehr, sondern großflächige Campusstrukturen mit langfristig skalierbaren Leistungsbedarfen. Damit verschiebt sich der Fokus der Standortentwicklung von einzelnen Gebäuden hin zu integrierten Infrastrukturstandorten.
Energie wird zum dominierenden Standortfaktor
Diese Entwicklung führt zu einer grundlegenden Neubewertung der Standortwahl. In der Vergangenheit dominierten Kriterien wie Glasfaseranbindung, Nähe zu Ballungsräumen oder Grundstücksverfügbarkeit. Die ENTSO-E-Studie zeigt jedoch, dass diese Faktoren künftig zwar weiterhin wichtig bleiben, ihre Bedeutung jedoch hinter der langfristigen Verfügbarkeit elektrischer Leistung zurücktritt.
Für zukünftige AI-Campus werden insbesondere folgende Fragen entscheidend:
Welche Netzkapazitäten stehen heute und in zehn Jahren zur Verfügung?
Welche Ausbauperspektiven bestehen für Umspannwerke und Übertragungsnetze?
Wie schnell können zusätzliche Anschlussleistungen bereitgestellt werden?
Welche Rolle spielt der Standort innerhalb der regionalen Energieplanung?
Damit entwickelt sich die Energieinfrastruktur vom technischen Randthema zum zentralen Erfolgsfaktor der Standortentwicklung.
Konsequenzen für Kommunen und Energieversorger
Der Strukturwandel eröffnet gleichzeitig neue Chancen für Regionen mit leistungsfähiger Energieinfrastruktur. Kommunen und Energieversorger, die frühzeitig Flächen entwickeln, Netzkapazitäten sichern und ihre Infrastruktur strategisch ausbauen, können sich als bevorzugte Standorte für zukünftige AI-Rechenzentren positionieren. Die Studie deutet zugleich an, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Projektentwicklern, Verteilnetzbetreibern und Übertragungsnetzbetreibern bereits in einer frühen Phase der Standortentwicklung erforderlich sein wird.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Kapitel 1 macht deutlich, dass sich die Diskussion über Rechenzentrumsstandorte grundlegend verändert. In den vergangenen Jahren stand häufig die Frage im Vordergrund, wo geeignete Flächen verfügbar sind. Die ENTSO-E-Studie verschiebt den Fokus auf eine neue Kernfrage:
Wo stehen langfristig ausreichend Energie, Netzkapazität und Entwicklungsperspektiven zur Verfügung, um AI-Rechenzentren nachhaltig betreiben und ausbauen zu können?
Damit verändert sich auch die Rolle der beteiligten Akteure. Grundstückseigentümer, Kommunen und Energieversorger werden zunehmend Teil einer gemeinsamen Infrastrukturstrategie. Erfolgreiche Standorte entstehen künftig dort, wo Flächenentwicklung, Netzplanung und Energieversorgung von Beginn an integriert betrachtet werden.
Kapitel 2
Das softwaredefinierte Rechenzentrum – Warum AI das elektrische Verhalten grundlegend verändert
Von der Anschlussleistung zum Lastverhalten
Nachdem Kapitel 1 den strukturellen Wandel des Rechenzentrumsmarktes beschreibt, richtet Kapitel 2 den Blick auf die technische Ebene. ENTSO-E stellt eine zentrale These auf: Die Anschlussleistung eines Rechenzentrums allein reicht nicht mehr aus, um dessen Auswirkungen auf das Stromsystem zu beurteilen. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Leistung aufgenommen, geregelt und im Zeitverlauf verändert wird.
Damit erfolgt ein grundlegender Perspektivwechsel. Während klassische Industrieanlagen überwiegend durch mechanische Prozesse geprägt sind und vergleichsweise träge Lastverläufe aufweisen, wird das Verhalten moderner AI-Rechenzentren zunehmend durch Software bestimmt. Lastprofile entstehen nicht mehr aus physikalischen Produktionsprozessen, sondern aus digitalen Workloads, die innerhalb kürzester Zeit erhebliche Leistungsänderungen verursachen können.
Die elektrische Architektur moderner Rechenzentren
ENTSO-E zeigt, dass sich moderne AI-Rechenzentren aus zwei zentralen Lastgruppen zusammensetzen: der IT-Infrastruktur und der Kühlinfrastruktur. Beide Komponenten erfüllen unterschiedliche Aufgaben, beeinflussen jedoch gemeinsam das Verhalten des Rechenzentrums gegenüber dem Stromnetz.
Die IT-Infrastruktur – bestehend aus Servern, Speichern und Netzwerktechnik – stellt höchste Anforderungen an die Versorgungssicherheit. Deshalb erfolgt ihre Stromversorgung über unterbrechungsfreie Stromversorgungen (UPS), die dauerhaft zwischen Stromnetz und IT-System geschaltet sind. Aus Sicht des Stromsystems bildet die Leistungselektronik der UPS damit die eigentliche Schnittstelle zwischen Netz und Rechenzentrum. Das Verhalten der Anlage bei Spannungseinbrüchen oder Frequenzänderungen wird wesentlich durch diese Systeme bestimmt.
Die zweite große Lastgruppe ist die Kühlung. Mit steigenden Rack-Leistungsdichten wächst ihr Anteil am Gesamtenergieverbrauch kontinuierlich. Gleichzeitig entwickelt sie sich von einem reinen Verbraucher zu einem aktiven Bestandteil des Energiemanagements.
Thermische Speicher als unterschätzte Flexibilitätsreserve
Besonders hervorzuheben ist die Bewertung der Kühlsysteme. ENTSO-E beschreibt Gebäude, Kühlkreisläufe und Kältespeicher nicht nur als notwendige Infrastruktur, sondern als potenzielle Flexibilitätsquelle. Aufgrund ihrer thermischen Trägheit können sie kurzfristige Änderungen der elektrischen Leistungsaufnahme ausgleichen, ohne den sicheren Betrieb der IT unmittelbar zu beeinträchtigen.
Diese Eigenschaft eröffnet neue Möglichkeiten für einen netzdienlichen Betrieb. Lasten können im Minutenbereich verschoben, Zeiten hoher erneuerbarer Stromerzeugung gezielt genutzt und Batteriespeicher wirkungsvoll ergänzt werden. Damit erweitert ENTSO-E den Begriff der Flexibilität weit über den klassischen Einsatz von Batteriespeichern hinaus.
AI verändert die Logik der Standortentwicklung
Ein weiterer Schwerpunkt des Kapitels liegt auf den unterschiedlichen Eigenschaften von AI-Training und AI-Inference. ENTSO-E zeigt, dass beide Anwendungsbereiche völlig unterschiedliche Anforderungen an den Standort stellen. AI-Training ist durch lange Rechenläufe, hohe Auslastung und geringe Anforderungen an die Nähe zum Endnutzer gekennzeichnet. Dadurch können entsprechende Rechenzentren auch außerhalb klassischer Internetknoten entstehen – vorausgesetzt, ausreichend Energie und Netzkapazität stehen zur Verfügung.
AI-Inference hingegen reagiert unmittelbar auf Nutzeranfragen und erfordert deshalb geringe Latenzen sowie eine räumliche Nähe zu großen Ballungsräumen. Diese Unterscheidung zeigt, dass sich künftig unterschiedliche Standortstrategien für verschiedene AI-Anwendungen entwickeln werden.
Software ersetzt mechanische Trägheit
Die vielleicht wichtigste technische Aussage des Kapitels betrifft die Rolle der Software. Während das Lastverhalten klassischer Industrieanlagen durch mechanische Prozesse geprägt wurde, bestimmen digitale Anwendungen die Leistungsaufnahme moderner Rechenzentren. Lastsprünge innerhalb weniger Millisekunden, hohe Leistungsdichten und dynamische Lastwechsel werden damit zu charakteristischen Merkmalen zukünftiger AI-Campus.
Diese Entwicklung verändert die Anforderungen an Netzüberwachung und Netzregelung grundlegend. Rechenzentren entwickeln sich zu softwaredefinierten Stromverbrauchern, deren Verhalten zunehmend durch Algorithmen und digitale Steuerungssysteme bestimmt wird.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Kapitel 2 macht deutlich, dass AI-Rechenzentren nicht allein aufgrund ihrer Größe eine neue Kategorie von Stromverbrauchern darstellen. Entscheidend ist ihr dynamisches, software-gesteuertes Verhalten. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Planung, Netzanschluss und Betrieb.
Für die Standortentwicklung bedeutet dies einen grundlegenden Wandel. Zukünftig werden nicht nur verfügbare Anschlussleistungen bewertet, sondern auch die Fähigkeit eines Standortes, dynamische Lastprofile zu beherrschen und flexible Betriebsmodelle zu unterstützen. Die Energieinfrastruktur entwickelt sich damit von einer Versorgungsaufgabe zu einem integralen Bestandteil der digitalen Infrastruktur.
Kapitel 3
Netzstabilität im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – Neue Anforderungen an den Betrieb großer AI-Rechenzentren
Rechenzentren werden zu systemrelevanten Akteuren im Stromnetz
Mit der zunehmenden Größe und Dynamik moderner AI-Rechenzentren verändert sich ihre Rolle im europäischen Stromsystem grundlegend. ENTSO-E stellt die bisherige Annahme infrage, dass große Stromverbraucher grundsätzlich passiv und berechenbar sind. Die heute gültigen europäischen Netzanschlussregeln wurden unter dieser Prämisse entwickelt. Moderne AI-Rechenzentren entsprechen diesem Bild jedoch immer weniger. Sie sind keine statischen Verbraucher mehr, sondern hochdynamische, softwaregesteuerte Lasten, deren Betriebs-verhalten unmittelbare Auswirkungen auf Frequenz- und Spannungsstabilität haben kann.
Dieser Wandel markiert einen Paradigmenwechsel. AI-Rechenzentren erreichen heute Anschlussleistungen von mehreren hundert Megawatt; einzelne Campus können im Vollausbau sogar den Gigawattbereich erreichen. Gleichzeitig reagieren ihre internen Steuerungssysteme innerhalb von Millisekunden auf Änderungen der IT-Auslastung. Für Übertragungsnetzbetreiber entstehen dadurch Laständerungen, die hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit mit klassischen Regelmechanismen des Stromsystems nicht mehr vergleichbar sind.
Wenn Software das Stromnetz beeinflusst
Besonders bemerkenswert ist die Feststellung der ENTSO-E, dass Risiken für die Netzstabilität nicht erst im Störungsfall entstehen. Bereits im Normalbetrieb können softwaregesteuerte Prozesse innerhalb eines Rechenzentrums zu sehr schnellen Leistungsänderungen führen. AI-Workloads verursachen Lastsprünge von mehreren zehn Megawatt innerhalb kürzester Zeit. Für das Stromsystem erscheinen diese Veränderungen wie das plötzliche Zu- oder Abschalten eines Großverbrauchers – obwohl keine äußere Störung vorliegt.
Mit zunehmender Konzentration großer AI-Campus in einzelnen Regionen wächst damit die Bedeutung ihres kollektiven Lastverhaltens. Während einzelne Laständerungen vom Stromsystem häufig problemlos ausgeglichen werden können, können gleichzeitige dynamische Lastwechsel mehrerer großer Standorte neue Herausforderungen für Frequenzhaltung und Spannungsregelung schaffen.
Netzanschluss bedeutet künftig auch Systemverantwortung
ENTSO-E macht deutlich, dass die Integration großer AI-Rechenzentren künftig nicht allein über ausreichende Netzkapazitäten sichergestellt werden kann. Ebenso entscheidend ist das elektrische Verhalten der Anlagen im laufenden Betrieb sowie bei Netzereignissen. Die Studie sieht deshalb die Weiterentwicklung der europäischen Netzanschlussregeln als notwendige Voraussetzung für den weiteren Ausbau großer AI-Campus.
Künftige Anforderungen werden sich voraussichtlich stärker auf das dynamische Verhalten der Anlagen konzentrieren. Hierzu gehören unter anderem ein kontrolliertes Verhalten bei Netzstörungen, eine begrenzte Geschwindigkeit von Laständerungen sowie ein abgestimmtes Wiederanfahren nach Spannungsausfällen. Ziel ist es, unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Rechenzentren und Stromnetz zu vermeiden und gleichzeitig die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
Vom Risiko zum Beitrag für die Netzstabilität
Die ENTSO-E-Studie verfolgt dabei ausdrücklich einen konstruktiven Ansatz. Sie beschreibt AI-Rechenzentren nicht als Gefahr für das Stromsystem, sondern zeigt auf, wie ihre Integration durch geeignete technische Anforderungen und netzdienliches Betriebsverhalten gelingen kann. Moderne Rechenzentren sollen künftig nicht nur sicher in das Stromnetz eingebunden werden, sondern langfristig selbst zur Stabilisierung des Energiesystems beitragen.
Damit verändert sich die Perspektive grundlegend: Nicht die Größe eines Rechenzentrums entscheidet über seine Auswirkungen auf das Stromsystem, sondern die Art und Weise, wie es mit diesem System interagiert.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Kapitel 3 verdeutlicht, dass Netzstabilität künftig zu einem zentralen Qualitätsmerkmal moderner AI-Rechenzentren wird. Die technische Leistungsfähigkeit eines Standortes wird sich nicht mehr allein über die verfügbare Anschlussleistung definieren, sondern zunehmend über seine Fähigkeit, Laständerungen kontrolliert zu steuern und sich netzdienlich zu verhalten.
Für Projektentwickler und Betreiber bedeutet dies, dass Themen wie elektrische Regelung, Batteriespeicher, intelligente Laststeuerung und das Verhalten bei Netzstörungen bereits in der Konzeptionsphase berücksichtigt werden müssen. Die Fähigkeit, einen stabilen Netzbetrieb zu unterstützen, entwickelt sich damit zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil und dürfte künftig einen wesentlichen Einfluss auf Genehmigungs- und Anschlussverfahren haben.
Kapitel 4
Netzplanung und Netzanschluss – Vom technischen Genehmigungsprozess zur integrierten Infrastrukturplanung
Netzplanung beginnt lange vor dem Bau eines Rechenzentrums
Nachdem ENTSO-E die Auswirkungen moderner AI-Rechenzentren auf den Netzbetrieb beschreibt, richtet sich der Blick im vierten Kapitel auf die langfristige Planung der Energieinfrastruktur. Netzplanung und Standortentwicklung müssen künftig parallel erfolgen und bereits in einer frühen Projektphase miteinander verzahnt werden.
Diese Forderung ergibt sich aus mehreren Entwicklungen: steigende Anschlussleistungen, lange Realisierungszeiten für den Netzausbau, begrenzte Kapazitäten an geeigneten Netzverknüpfungspunkten sowie die Unsicherheit über den tatsächlichen Leistungsbedarf zukünftiger AI-Rechenzentren. Daraus entsteht die Notwendigkeit einer gemeinsamen Systemplanung, in der Netzbetreiber und Projektentwickler ihre Planungsprozesse frühzeitig abstimmen.
Der Netzanschluss wird zum strategischen Standortfaktor
Ein wesentliches Merkmal moderner AI-Campus ist ihre schrittweise Entwicklung. Betreiber beantragen häufig Anschlussleistungen, die deutlich über dem kurzfristigen Bedarf liegen, um spätere Ausbaustufen abzusichern. Aus Sicht der Netzplanung führt dies zu einem Spannungsfeld: Werden die beantragten Leistungen vollständig reserviert, können Netzkapazitäten über Jahre gebunden werden, ohne genutzt zu werden. Erfolgt die Planung hingegen ausschließlich auf Basis des aktuellen Bedarfs, besteht das Risiko, dass spätere Ausbauphasen nicht mehr realisiert werden können.
ENTSO-E leitet daraus die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Netzbetreibern und Rechenzentrumsentwicklern ab. Gefordert werden frühzeitige Informationen zu Ausbauphasen, Lastentwicklungen, Betriebsprofilen und vorhandenen Flexibilitätspotenzialen. Der klassische Netzanschluss entwickelt sich damit von einem formalen Genehmigungsverfahren zu einem langfristigen Infrastrukturprozess.
Neue Formen der Zusammenarbeit
Die Studie unterstreicht, dass die Integration großer AI-Rechenzentren nicht allein Aufgabe der Übertragungsnetzbetreiber ist. Ebenso gewinnen die Verteilnetzbetreiber an Bedeutung, da viele Rechenzentren über das Verteilnetz angeschlossen werden, ihre Lastprofile jedoch erhebliche Auswirkungen auf das Übertragungsnetz haben können. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer engeren Zusammenarbeit zwischen Übertragungsnetzbetreibern (TSO), Verteilnetzbetreibern (DSO), Rechenzentrumsbetreibern, Projektentwicklern und Behörden.
Für Deutschland besitzt diese Aussage besondere Relevanz. Die Energiewende und der Ausbau digitaler Infrastruktur treffen hier in vielen Regionen unmittelbar aufeinander. Eine koordinierte Planung beider Netzebenen wird deshalb zu einer wesentlichen Voraussetzung für die Entwicklung neuer AI-Standorte.
Die Standortfrage verändert sich grundlegend
ENTSO-E erweitert den Blick auf die Standortwahl erheblich. Künftig reicht es nicht mehr aus, den aktuellen Zustand der Energieversorgung zu bewerten. Ebenso wichtig werden geplante Netzausbaumaßnahmen, regionale Netzentwicklungspläne, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die langfristige Entwicklung regionaler Lastschwerpunkte.
Damit verändert sich die zentrale Fragestellung der Projektentwicklung. Statt zu prüfen, ob an einem Standort heute ausreichend elektrische Leistung verfügbar ist, muss bewertet werden, ob sich das regionale Energiesystem in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren so entwickelt, dass ein AI-Campus dauerhaft integriert und erweitert werden kann.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Kapitel 4 gehört aus Sicht der Standortentwicklung zu den wichtigsten Aussagen der gesamten ENTSO-E-Studie. Der Netzanschluss verliert seinen Charakter als nachgelagerter technischer Genehmigungsschritt und wird zu einem integralen Bestandteil der Standortstrategie.
Für Grundstückseigentümer, Kommunen und Projektentwickler bedeutet dies einen grundlegenden Perspektivwechsel. Der Wert eines Standorts wird künftig nicht nur durch seine heutige Anschlussmöglichkeit bestimmt, sondern vor allem durch seine langfristige Einbindung in die regionale Energieinfrastruktur. Regionen mit geplanten Netzausbaumaßnahmen, leistungsfähigen Umspannwerken und einer engen Zusammenarbeit zwischen TSO und DSO werden dadurch erhebliche Wettbewerbsvorteile bei der Ansiedlung neuer AI-Rechenzentren erzielen können.
Aus Sicht von Koehler Advisory ergibt sich daraus eine zentrale Schlussfolgerung: Die Standortentwicklung für AI-Rechenzentren beginnt künftig nicht mehr mit der Suche nach einem geeigneten Grundstück, sondern mit der Analyse der langfristigen Entwicklung des regionalen Energiesystems. Diese Sichtweise erweitert die klassische Flächenentwicklung um eine strategische Infrastrukturperspektive und dürfte in den kommenden Jahren zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Realisierung großer AI-Campus werden.
Kapitel 5
Vom Stromverbraucher zum Systempartner – Flexibilität, Batteriespeicher und das netzdienliche AI-Rechenzentrum
Ein neues Rollenverständnis für Rechenzentren
Nachdem die vorangegangenen Kapitel die Auswirkungen moderner AI-Rechenzentren auf Netzbetrieb und Netzplanung beschrieben haben, richtet ENTSO-E den Blick nun auf deren zukünftige Rolle innerhalb des Energiesystems. Die zentrale Aussage lautet: Rechenzentren sollen künftig nicht mehr ausschließlich elektrische Energie beziehen, sondern ihre technischen Möglichkeiten aktiv zur Stabilisierung des Stromsystems einsetzen. Damit entsteht ein neues Leitbild des „Grid Supporting Data Centre“.
Dieses Leitbild markiert einen grundlegenden Wandel. Über viele Jahre bestand das Ziel darin, Rechenzentren möglichst zuverlässig und unterbrechungsfrei mit Strom zu versorgen. Zukünftig werden sie selbst zu einem aktiven Bestandteil eines Energiesystems, das zunehmend von fluktuierender Wind- und Solarenergie geprägt ist. Flexibilität wird damit zu einer ebenso wichtigen Ressource wie die reine Anschlussleistung.
Flexibilität wird zur strategischen Ressource
ENTSO-E definiert Flexibilität als die Fähigkeit eines Rechenzentrums, seine Leistungsaufnahme oder sein Betriebsverhalten gezielt an die Anforderungen des Stromsystems anzupassen. Dabei geht es ausdrücklich nicht um das Abschalten kritischer IT-Systeme, sondern um intelligente und kontrollierte Anpassungen innerhalb technisch sicherer Grenzen. Als wesentliche Flexibilitätsquellen nennt die Studie die zeitliche Verschiebung geeigneter IT-Workloads, die Nutzung der thermischen Trägheit der Kühlsysteme, Batteriespeicher sowie eine intelligente Steuerung der Energieversorgung.
Damit erweitert ENTSO-E den Begriff der Versorgungssicherheit. Künftig wird nicht allein entscheidend sein, ob ein Rechenzentrum zuverlässig mit Strom versorgt werden kann, sondern auch, welchen Beitrag es selbst zur Stabilisierung des Stromsystems leisten kann.
Batteriespeicher übernehmen neue Aufgaben
Besonders deutlich wird dieser Rollenwechsel am Beispiel der Batteriespeicher (Battery Energy Storage Systems – BESS). In klassischen Rechenzentren dienen Batterien in erster Linie dazu, kurze Stromunterbrechungen zu überbrücken, bis die Notstromversorgung verfügbar ist. ENTSO-E zeigt jedoch, dass moderne Batteriespeicher weit darüber hinaus eingesetzt werden können. Sie können zur Frequenzstabilisierung beitragen, kurzfristige Laständerungen abfedern, Leistungsspitzen am Netzanschlusspunkt reduzieren und den Wiederanlauf nach Netzstörungen unterstützen.
Damit entwickelt sich der Batteriespeicher von einer reinen Sicherheitskomponente zu einem aktiven Betriebsmittel des Energiesystems. Diese Neubewertung ist von erheblicher strategischer Bedeutung. Sie eröffnet Rechenzentrumsbetreibern die Möglichkeit, ihre vorhandene Infrastruktur künftig nicht nur für die Versorgungssicherheit, sondern auch zur Unterstützung des Stromnetzes einzusetzen.
Thermische Flexibilität – ein unterschätztes Potenzial
Neben Batteriespeichern hebt ENTSO-E die thermische Trägheit moderner Kühlsysteme als bislang wenig genutztes Flexibilitätspotenzial hervor. Gebäude, Kühlkreisläufe und Kältespeicher können kurzfristige Änderungen der elektrischen Leistungsaufnahme ausgleichen, ohne die Betriebssicherheit der IT zu gefährden. Da diese thermischen Reserven bereits Bestandteil moderner Rechenzentren sind, lassen sie sich häufig mit vergleichsweise geringem zusätzlichem Aufwand für netzdienliche Betriebsstrategien nutzen.
Gerade im Zusammenspiel mit Batteriespeichern entstehen dadurch neue Möglichkeiten, Lasten zeitlich zu verschieben und Phasen hoher erneuerbarer Stromerzeugung besser zu nutzen. Flexibilität wird somit zu einem integralen Bestandteil der Energiearchitektur eines AI-Campus.
Das Grid Supporting Data Centre
Aus diesen technischen Möglichkeiten entwickelt ENTSO-E ein neues Zielbild für zukünftige AI-Rechenzentren. Sie sollen Laständerungen kontrolliert gestalten, Blindleistung bereitstellen, sich bei Netzstörungen abgestimmt verhalten und die Frequenzhaltung aktiv unterstützen. Damit übernehmen Rechenzentren Funktionen, die bislang überwiegend Erzeugungsanlagen oder Netzbetriebsmitteln vorbehalten waren.
Diese Entwicklung steht exemplarisch für den Wandel des gesamten Energiesystems. Digitale Infrastruktur wird nicht länger ausschließlich als Stromverbraucher betrachtet, sondern als aktiver Bestandteil eines intelligenten, flexiblen und zunehmend erneuerbaren Energiesystems.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Kapitel 5 beschreibt nicht lediglich neue technische Möglichkeiten, sondern formuliert ein neues Leitbild für die Entwicklung großer AI-Rechenzentren.
Der entscheidende Wettbewerbsfaktor wird künftig nicht mehr allein die Größe eines Netzanschlusses sein, sondern die Fähigkeit eines Standorts, flexibel auf die Anforderungen des Energiesystems zu reagieren. Betreiber, die Batteriespeicher, intelligente Kühlung, softwaregesteuerte Laststeuerung und flexible Betriebsmodelle frühzeitig integrieren, werden ihre Chancen auf leistungsfähige Netzanschlüsse und langfristige Betriebssicherheit deutlich verbessern.
Kapitel 6
Digitale Infrastruktur und Energiewende gemeinsam denken – Schlussfolgerungen aus der ENTSO-E-Studie
Zwei Transformationen wachsen zusammen
Die abschließenden Schlussfolgerungen der ENTSO-E-Studie führen alle zuvor dargestellten Entwicklungen zusammen. Die Autoren machen deutlich, dass der Ausbau der digitalen Infrastruktur und die Transformation des europäischen Energiesystems künftig nicht mehr getrennt betrachtet werden können. Beide Entwicklungen greifen zunehmend ineinander und beanspruchen dieselben zentralen Ressourcen: Übertragungskapazitäten, Umspannwerke, Netzregelung, Flexibilität und langfristige Investitionen in die Energieinfrastruktur.
Damit entsteht eine neue Form gegenseitiger Abhängigkeit. Der Erfolg der europäischen KI-Strategie wird künftig ebenso von der Verfügbarkeit leistungsfähiger Energieinfrastruktur abhängen wie der Erfolg der Energiewende von der Fähigkeit großer Stromverbraucher, sich flexibel in das Energiesystem zu integrieren.
Das Stromsystem der Zukunft benötigt flexible Verbraucher
ENTSO-E beschreibt einen grundlegenden Wandel im Energiesystem. Während sich in der Vergangenheit die Stromerzeugung überwiegend am Verbrauch orientierte, wird künftig der Verbrauch zunehmend an die volatile Einspeisung aus Wind- und Solarenergie angepasst werden müssen. Große Verbraucher wie AI-Rechenzentren übernehmen dabei eine neue Rolle. Sie sollen nicht nur eine sichere Stromversorgung erhalten, sondern durch flexible Betriebsstrategien selbst zur Stabilität des Gesamtsystems beitragen.
Dieser Perspektivwechsel verändert die Anforderungen an Planung, Betrieb und Investitionsentscheidungen gleichermaßen.
Kooperation wird zum Erfolgsfaktor
Bemerkenswert ist, dass ENTSO-E den weiteren Ausbau von AI-Rechenzentren ausdrücklich unterstützt. Die Studie fordert weder eine Begrenzung neuer Netzanschlüsse noch stellt sie die Entwicklung leistungsstarker AI-Infrastrukturen grundsätzlich infrage. Stattdessen sieht sie den Schlüssel zum Erfolg in einer engen Zusammenarbeit zwischen Übertragungsnetzbetreibern, Verteilnetzbetreibern, Rechenzentrumsbetreibern, Technologieunternehmen und Regulierungsbehörden.
Damit verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob neue AI-Rechenzentren entstehen können, hin zu der Frage, wie sie effizient und netzdienlich in das europäische Energiesystem integriert werden.
Strategische Einordnung durch Koehler Advisory
Die ENTSO-E-Studie liefert weit mehr als technische Empfehlungen für Netzbetreiber. Sie beschreibt einen grundlegenden Wandel der Standortentwicklung für AI-Rechenzentren. Künftig werden nicht mehr allein Grundstücksgröße, Glasfaseranbindung oder Marktnähe über die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts entscheiden. Ausschlaggebend wird vielmehr sein, wie gut sich ein AI-Campus langfristig in die Entwicklung des regionalen Energiesystems einfügt. Diese Schlussfolgerung wird im Fazit der Studie ausdrücklich hervorgehoben.
Für Grundstückseigentümer bedeutet dies, dass der Wert geeigneter Flächen künftig wesentlich stärker durch ihre langfristige energiewirtschaftliche Entwicklung geprägt wird. Kommunen können ihre Attraktivität für AI-Investitionen steigern, wenn Flächenentwicklung, Bauleitplanung und Energieinfrastruktur frühzeitig aufeinander abgestimmt werden. Energieversorger und Netzbetreiber entwickeln sich vom klassischen Anschlussdienstleister zum strategischen Infrastrukturpartner, während Projektentwickler und Investoren Energieinfrastruktur künftig als integralen Bestandteil ihrer Standortstrategie verstehen müssen.
Kapitel 7
Strategische Implikationen für Deutschland – Warum Energieinfrastruktur zum entscheidenden Standortfaktor für AI-Rechenzentren wird
Deutschland steht vor einem neuen Standortwettbewerb
Die ENTSO-E-Studie macht deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen für die Entwicklung großer AI-Rechenzentren grundlegend verändern. Für Deutschland bedeutet dies einen Paradigmenwechsel in der Standortentwicklung. Während in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem die Nähe zu Internetknoten, Ballungsräumen und leistungsfähigen Glasfasernetzen im Mittelpunkt stand, rückt künftig die Energieinfrastruktur in den Fokus strategischer Standortentscheidungen.
Mit dem Übergang zu AI-Campus im dreistelligen Megawattbereich werden Netzkapazität, Ausbauperspektiven und die langfristige Entwicklung des regionalen Energiesystems zu den entscheidenden Wettbewerbsfaktoren. Die Frage lautet künftig nicht mehr, wo heute ausreichend elektrische Leistung verfügbar ist, sondern an welchen Standorten sich Energieinfrastruktur und Rechenzentrumsentwicklung gemeinsam weiterentwickeln können.
Für Deutschland eröffnet diese Entwicklung erhebliche Chancen – vorausgesetzt, Flächenentwicklung, Netzplanung und Energieinfrastruktur werden frühzeitig aufeinander abgestimmt.
Die geografische Verteilung von AI-Rechenzentren wird sich verändern
Die bisherige Konzentration großer Rechenzentren im Raum Frankfurt basiert vor allem auf der Nähe zum weltweit bedeutenden Internetknoten DE-CIX, einem Marktplatzeffekt sowie einer hohen Kundendichte.
Mit AI-Anwendungen verändert sich diese Logik.
Die ENTSO-E-Studie zeigt, dass insbesondere AI-Training keine unmittelbare Nähe zu Ballungsräumen benötigt. Entscheidend sind vielmehr große, langfristig verfügbare Strommengen sowie leistungsfähige Netzanschlüsse. Dadurch gewinnen Regionen an Bedeutung, die bisher nicht zu den klassischen Rechenzentrumsstandorten zählten.
Insbesondere Norddeutschland verfügt über mehrere strukturelle Vorteile:
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hoher Ausbau erneuerbarer Energien,
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neue Offshore-Netzanbindungen,
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leistungsfähige Übertragungsnetze,
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große Flächenpotenziale,
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vergleichsweise geringe Konkurrenz um Netzanschlusskapazitäten.
Damit könnte sich die geografische Schwerpunktbildung großer AI-Campus in den kommenden Jahren schrittweise verändern.
Energie wird zur neuen Währung der Standortentwicklung
Die klassische Standortanalyse wird künftig nicht mehr ausreichen.
Neben Grundstücksgröße, Baurecht und Glasfaseranbindung müssen künftig insbesondere folgende Fragen beantwortet werden:
Wie entwickelt sich das regionale Stromsystem in den nächsten zwanzig Jahren?
Welche Netzverstärkungen sind geplant?
Welche Umspannwerke werden erweitert oder neu errichtet?
Welche zusätzlichen Einspeisungen aus Wind- und Solarenergie sind vorgesehen?
Welche Flexibilität kann ein zukünftiger Standort bereitstellen?
Damit verändert sich auch die Reihenfolge der Projektentwicklung. Nicht mehr das Grundstück steht am Anfang eines Projektes. Am Anfang steht die Analyse der Energieinfrastruktur. Energieversorger werden strategische Infrastrukturpartner. Für Energieversorger eröffnet sich dadurch eine völlig neue Rolle. Bisher bestand ihre Aufgabe überwiegend darin, Netzanschlüsse bereitzustellen. Zukünftig werden sie wesentlich stärker in die Entwicklung kompletter Energieökosysteme eingebunden sein.
Hierzu gehören beispielsweise:
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Entwicklung intelligenter Netzanschlusskonzepte,
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Integration von Batteriespeichern,
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Nutzung thermischer Speicher,
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Aufbau lokaler Energiesysteme,
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Demand-Side-Management,
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Flexibilitätsmärkte,
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langfristige Netzentwicklungsplanung
Der Wettbewerb zwischen Regionen wird damit zunehmend auch ein Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Energieinfrastrukturkonzepten.
Grundstücke erhalten eine neue Bewertung
Auch für Grundstückseigentümer verändern sich die Bewertungsmaßstäbe. Der Marktwert geeigneter Flächen wird künftig nicht mehr ausschließlich durch Lage oder Größe bestimmt.
Zunehmend entscheidend werden:
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langfristige Netzkapazität,
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Erweiterungsmöglichkeiten,
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Nähe zu leistungsfähigen Umspannwerken,
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Entwicklungsperspektiven des regionalen Stromsystems,
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Genehmigungsfähigkeit zusätzlicher Energieinfrastruktur
Damit entsteht neben der klassischen Immobilienbewertung eine energiewirtschaftliche Bewertung von Standorten. Diese Entwicklung dürfte den Markt für großflächige AI-Campus nachhaltig verändern.
Netzdienlichkeit entwickelt sich zum Wettbewerbsvorteil
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der ENTSO-E-Studie betrifft die zukünftige Rolle der Rechenzentrumsbetreiber. In Zukunft wird nicht mehr ausschließlich bewertet werden,
wie viel Leistung ein Rechenzentrum benötigt, sondern auch, welchen Beitrag es zur Stabilität des Stromsystems leisten kann. Batteriespeicher, intelligente Laststeuerung, thermische Speicher, Blindleistungsregelung und softwaregesteuerte Flexibilität entwickeln sich damit von optionalen Zusatzfunktionen zu strategischen Standortvorteilen. Standorte mit hoher Netzdienlichkeit werden künftig bessere Voraussetzungen besitzen, zusätzliche Anschlussleistungen zu erhalten und ihre Ausbauprojekte langfristig zu sichern.
Die Entwicklung von AI-Campus erfordert neue Partnerschaften
Große AI-Rechenzentren werden zukünftig nicht mehr isoliert entwickelt werden können.
Erfolgreiche Projekte entstehen dort, wo unterschiedliche Akteure bereits in einer frühen Projektphase zusammenarbeiten.
Hierzu gehören insbesondere:
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Grundstückseigentümer,
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Kommunen,
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Übertragungsnetzbetreiber,
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Verteilnetzbetreiber,
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Energieversorger,
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Projektentwickler,
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Investoren,
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Technologieunternehmen,
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Hyperscaler.
Standortentwicklung entwickelt sich damit von einem klassischen Immobilienprojekt zu einem integrierten Infrastrukturprojekt.
Ein neuer Standorttyp entsteht: der Energy-Integrated AI Campus
Die Analyse der ENTSO-E-Studie legt nahe, dass sich langfristig ein neuer Typ von Rechenzentrumsstandort etablieren wird.
Dieser Energy-Integrated AI Campus zeichnet sich nicht allein durch hohe Anschlussleistungen aus, sondern durch die intelligente Verknüpfung von digitaler und energetischer Infrastruktur. Kennzeichnend sind eine leistungsfähige Netzanbindung, Batteriespeicher, thermische Speicher, flexible IT-Workloads und die Fähigkeit, netzdienliche Funktionen bereitzustellen. Ergänzend können – abhängig vom Standort – Wasserstoffanwendungen, Abwärmenutzung oder weitere Energiesysteme integriert werden. Diese Elemente beschreibt die ENTSO-E-Studie als zentrale Bausteine eines zukünftigen flexiblen Energiesystems.
Schlussbetrachtung
Die ENTSO-E-Studie ist weit mehr als eine technische Analyse des europäischen Stromsystems. Sie beschreibt den Beginn einer neuen Phase der Rechenzentrumsentwicklung, in der digitale Infrastruktur und Energieinfrastruktur untrennbar miteinander verbunden sind. Für Deutschland eröffnet dies die Chance, neue Standorte jenseits der etablierten Ballungsräume zu entwickeln – vorausgesetzt, Energieversorgung, Netzausbau und Flächenentwicklung werden von Beginn an gemeinsam geplant.
Die erfolgreichsten AI-Rechenzentrumsstandorte der Zukunft werden nicht dort entstehen, wo heute die größte Anschlussleistung verfügbar ist, sondern dort, wo digitale Infrastruktur und Energieinfrastruktur langfristig gemeinsam entwickelt werden können.
Quellen
• Eigene Recherche von Koehler Advisory
• (*1) "From Energy Demand to Grid Support: ENTSO-E Explores Data Centres’ Dual Role"

Die Zukunft der Energieversorgung in Europa
